Ein guter Auftrag an einen KI-Agenten nennt, für wen die Anwendung gedacht ist, welches Problem sie löst und an welchen konkreten Fällen du erkennst, dass sie funktioniert. Wenn deine ersten Versuche mit Claude Code oder Codex enttäuschend waren, liegt das oft weniger am Werkzeug als an einem Auftrag, der diese drei Dinge offen lässt.
Der Agent füllt Lücken mit Annahmen. Je mehr Lücken, desto mehr Annahmen, und desto weiter entfernt sich das Ergebnis von dem, was du im Kopf hattest. Dieser Beitrag zeigt, wie du einen Auftrag aufbaust, wie du ihn in Teilschritte zerlegst und wie das am Beispiel einer Kontaktliste aussieht.
Warum ein kurzer Auftrag selten das liefert, was du willst
Ein typischer erster Versuch lautet etwa: «Bau mir eine App für meine Kontakte.» Der Agent liefert etwas. Vielleicht eine Liste mit Namen und Telefonnummern, vielleicht ein Formular mit zwanzig Feldern, vielleicht eine Anmeldeseite, die du nie wolltest. Technisch ist das nicht falsch. Es passt nur nicht zu deiner Arbeit.
Das Problem: Du weisst, wer die App nutzt, wie viele Kontakte es sind und was nach einem Gespräch passieren soll. Der Agent weiss es nicht. Er rät. Und weil du vorher nicht festgelegt hast, woran du Erfolg misst, bleibt dir nur ein Bauchgefühl: irgendwie nicht richtig. Dann folgt der nächste Versuch, wieder vage, wieder geraten.
Ein Auftrag mit klarer Zielgruppe, klarem Problem und überprüfbaren Fällen durchbricht diese Schleife. Du kannst jedes Ergebnis gegen deine Fälle halten und genau sagen, was fehlt.
Die drei Bestandteile eines guten Auftrags
Zielgruppe: Für wen ist die App?
Beschreibe die Person, die mit der App arbeitet, und ihre Situation. «Für eine kleine Firma» ist ein Anfang. Besser: «Für eine Person im Verkauf einer kleinen Firma, die Interessenten aus Messen und Anfragen verwaltet und am Montag wissen will, wen sie zurückrufen muss.» Aus diesem Satz kann der Agent ableiten, dass die Bedienung einfach sein soll, dass Termine eine Rolle spielen und dass niemand eine Verwaltungsoberfläche für hundert Benutzer braucht.
Problem: Was soll besser werden?
Nenne das Problem, nicht die Lösung. «Ich will eine Tabelle mit Filtern» beschreibt eine Lösung. «Follow-ups gehen vergessen, weil sie verstreut in Notizen und E-Mails stehen» beschreibt das Problem. Wenn der Agent das Problem kennt, kann er sinnvolle Entscheidungen treffen, die du nicht ausdrücklich vorgegeben hast. Und du kannst später prüfen, ob die Lösung das Problem tatsächlich angeht.
Akzeptanzfälle: Woran erkennst du, dass es funktioniert?
Akzeptanzfälle sind kurze, konkrete Situationen mit einem erwarteten Ergebnis. Eine bewährte Form ist: Ausgangslage, Handlung, erwartetes Ergebnis. Zum Beispiel: «Es gibt einen Kontakt mit Follow-up-Datum gestern. Wenn ich die Liste öffne, dann ist dieser Kontakt als überfällig markiert.»
Solche Fälle haben zwei Vorteile. Der Agent versteht genauer, was gemeint ist. Und du hast eine Prüfliste, die du nach jeder Änderung durchgehen kannst, statt dich auf einen Eindruck zu verlassen. Akzeptanzfälle lassen sich später in automatische Tests übersetzen. Dann prüft ein Befehl, ob alles noch stimmt.
Denk dabei auch an Fehlfälle: Was passiert, wenn ein Pflichtfeld leer bleibt, wenn eine E-Mail-Adresse kein @ enthält, wenn die Liste leer ist? Gerade diese Fälle vergisst man im ersten Anlauf, und gerade dort entstehen die Fehler, die dich später Zeit kosten.
Wie du den Auftrag in Teilschritte zerlegst
Auch ein guter Auftrag ist zu gross, wenn er die ganze App auf einmal beschreibt. Der Agent produziert dann viel Code in einem Zug, und wenn etwas nicht stimmt, weisst du nicht, wo du suchen sollst. Besser ist es, die Arbeit in kleine Schritte zu teilen, die jeweils für sich überprüfbar sind.
So gehst du vor:
- Schreib das Ziel der ganzen App in zwei bis drei Sätzen auf: Zielgruppe und Problem.
- Sammle alles, was die App können soll, als lose Liste.
- Ordne die Punkte so, dass jeder auf dem vorherigen aufbaut. Zuerst anzeigen, dann speichern, dann verändern, dann verbinden.
- Formuliere für jeden Schritt zwei bis vier Akzeptanzfälle, darunter mindestens einen Fehlfall.
- Gib dem Agenten jeweils nur einen Schritt und prüfe die Fälle, bevor du weitergehst.
- Notiere, was der Agent beigetragen hat und was du selbst geändert hast.
Der letzte Punkt wirkt nebensächlich. Er hilft dir aber, später zu erklären, wie deine App entstanden ist, und Fehler schneller zuzuordnen.
Ein guter Schritt ist klein genug, dass du das Ergebnis in wenigen Minuten prüfen kannst. Wenn du für die Prüfung eines Schritts eine halbe Stunde brauchst, war er zu gross.
Beispiel: Ein Auftrag für eine Kontaktliste
So könnte ein Auftrag für die erste Ausbaustufe einer Kontakt- und Follow-up-App aussehen:
Zielgruppe: Eine Person im Verkauf einer kleinen Firma. Sie verwaltet
Interessenten und will sehen, wen sie als Nächstes kontaktieren muss.
Problem: Follow-ups gehen vergessen, weil Kontakte und nächste Schritte
an verschiedenen Orten notiert sind.
Dieser Schritt: Eine Kontaktliste und eine Detailansicht mit Beispieldaten.
Noch kein Speichern, keine Bearbeitung, keine Anmeldung.
Akzeptanzfälle:
1. Gegeben sind fünf Beispielkontakte. Wenn ich die App öffne,
sehe ich alle fünf mit Name, Firma und Status.
2. Wenn ich auf einen Kontakt klicke, öffnet sich die Detailansicht
mit allen Angaben und dem nächsten Follow-up-Datum.
3. Wenn ich in der Detailansicht auf «Zurück» klicke, sehe ich
wieder die Liste.
4. Gegeben sind keine Kontakte. Wenn ich die App öffne, sehe ich
den Hinweis «Noch keine Kontakte» statt einer leeren Fläche.
Beachte, was der Auftrag ausdrücklich ausschliesst. «Noch kein Speichern, keine Anmeldung» verhindert, dass der Agent Funktionen einbaut, die du in diesem Schritt gar nicht prüfen kannst.
Die nächsten Schritte
Erst wenn die vier Fälle stimmen, folgt der nächste Auftrag. Die Reihenfolge könnte so aussehen:
- Kontakte speichern und Eingaben prüfen: Ein neuer Kontakt ohne Namen wird abgelehnt, mit einer verständlichen Meldung.
- Statuswechsel: Ein Kontakt wechselt von «neu» zu «kontaktiert», und die Liste zeigt den neuen Status sofort.
- Filter: Wenn ich nach «überfällig» filtere, sehe ich nur Kontakte, deren Follow-up-Datum in der Vergangenheit liegt.
- Schnittstelle: Wenn der Dienst nicht antwortet oder einen Fehler meldet, zeigt die App einen Hinweis, statt abzustürzen.
Jeder dieser Schritte bekommt wieder eigene Akzeptanzfälle. So wächst die App in kleinen, kontrollierten Stücken.
Woran du merkst, dass dein Auftrag noch nicht reicht
Geh vor dem Absenden diese Fragen durch:
- Steht drin, wer die App benutzt und in welcher Situation?
- Ist das Problem beschrieben und nicht bloss eine gewünschte Funktion?
- Gibt es mindestens zwei konkrete Akzeptanzfälle mit erwartetem Ergebnis?
- Ist mindestens ein Fehlfall dabei, etwa eine leere Eingabe oder eine leere Liste?
- Steht drin, was in diesem Schritt ausdrücklich nicht gebaut werden soll?
- Kannst du das Ergebnis in wenigen Minuten prüfen?
Wenn eine Antwort Nein lautet, ergänze den Auftrag, bevor du ihn abschickst. Das kostet ein paar Minuten und spart dir mehrere Runden Nachbessern.
Und wenn das Ergebnis trotzdem nicht passt: Halte es gegen deine Akzeptanzfälle. Nenne dem Agenten genau, welcher Fall nicht erfüllt ist und was stattdessen passiert. «Fall 3 schlägt fehl: Nach dem Klick auf Zurück bleibt die Detailansicht offen» ist eine Rückmeldung, mit der der Agent arbeiten kann. «Funktioniert nicht» ist es nicht.
Wie der Kurs Vibe Coding Foundation dieses Vorgehen übt
Im Kurs Vibe Coding Foundation baust du genau diese Kontakt- und Follow-up-App, Schritt für Schritt, mit Claude Code oder Codex. Das Formulieren des Auftrags ist dabei eine eigene Mission: In Mission 1 beschreibst du, für wen die App gedacht ist und was sie können soll. Die Planzeit dafür beträgt zwei Stunden. Eine Arbeitsaufgabe in überprüfbare Teilschritte zerlegen und als Akzeptanzfälle beschreiben ist eine der vier Kompetenzen, die das Programm nachweist.
Darauf bauen die folgenden Missionen auf: die Kontaktliste mit Detailansicht, das Prüfen von Eingaben mit Statuswechseln und Filtern, eine simulierte Schnittstelle mit leeren Antworten, Fehlern und Wartezeiten. Jede Mission hat ein Ziel, Kriterien in Form von Tests und Hinweise in drei Stufen, falls du nicht weiterkommst. Auf deinem Computer prüft ein Befehl die Kriterien, sodass du schnell siehst, ob dein Auftrag zum gewünschten Ergebnis geführt hat. Nebenher führst du ein KI-Protokoll, in dem du festhältst, was die KI beigetragen hat und was du selbst geändert hast.
Alle Missionen mit ihren Zielen findest du in der Kursübersicht. Wenn du sehen willst, wie der Einstieg aussieht: Mission 0 zum Einrichten der Werkzeuge ist frei lesbar. Wie der Kurs insgesamt abläuft, erklärt der Abschnitt Ablauf auf der Startseite. Am Ende steht eine schriftliche Projektprüfung. Wie sie bewertet wird, zeigt die Prüfungsrubrik.